Von Wegen & Abzweigungen

Und dann sitze ich an einem Montag Nachmittag im Zug. Mit mir viele Menschen, die gerade in den Feierabend gehen. In dem Viererabteil, dass ich mir mit drei anderen teile, nicken sie immer wieder ein. Sie scheinen ausgelaugt, ohne Energie zu sein, für ihre doch so hart erarbeitete Freizeit. Ihre Köpfe schwanken vor und zurück, wie in einem zufälligem, nicht abgesprochenem Takt. Und da plötzlich wird mir klar dass ich bei diesen Takt nicht mitgehen will. Denn er ist langsam, schwerfällig vor Erschöpfung. Ich aber will ausbrechen. Der Rhythmus soll mich umhauen, immer wieder aufs neue mitreißen und den Takt will ich selbst vorgeben können. Ich möchte an der Jukebox stehen und das nächste Stück aussuchen. Oder aber von einem mir unbekannten überrascht werden und dann darin versinken. Egal ob laut und mit voller Wucht, oder so leise, dass es mich schleichend mitzieht.

An diesem Montag Nachmittag kommt mir zum ersten Mal ein Gedanke. Ein Gedanke, den ich wahrscheinlich mit vielen anderen teile. Ich möchte mein Leben nicht in diesem grauen Sumpf aus Eintönigkeit untergehen sehen. Ich bin 23 Jahre alt und habe fast ein abgeschlossenes Studium in der Tasche. Ein Studium von dem ich, wie ich mir nach und nach schwerlich eingestandenen habe, von Anfang an eigentlich nicht hundertprozentig überzeugt war. Nicht dass ich den Studiengang oder gar das Berufsfeld in Frage stellen möchte, nur für mich ist es doch nicht das richtige.

Ich habe neben meinem Studium immer viel gearbeitet. In erster Linie bin ich kellnern gegangen, aber dadurch dass ich Soziale Arbeit studiert habe, haben sich mir im Laufe der Semester auch andere Möglichkeiten aufgetan. Ich habe viel freiberuflich in der außerschulischen Bildungsarbeit und auch im offenen Ganztag von Grundschulen gearbeitet. All‘ diese Jobs haben mir Spaß gemacht, keine Frage. Ich habe tolle Menschen und Teams kennengelernt und mich (meistens) pudelwohl gefühlt. Aber am Ende des Tages stand irgendwann immer die Erkenntnis, dass mich diese Arbeit, so gerne ich sie gemacht habe, auf Dauer nicht ausfüllt.

Ich habe, für mein Empfinden, lange gebraucht mir diese Tatsache einzugestehen. Doch dieser Montagnachmittag und viele folgende, ähnliche Situationen, haben den Stein ins Rollen gebracht. Mir war klar, dass ich nach Abschluss des Bachelors nicht einfach in einen 9 to 5 Job rutschen wollte, dem ich nur mit halbem Herzen nachgehe. Irgendwas musste passieren, musste sich verändern. Genauer gesagt musste ich mein Leben in die Hand nehmen.

Es hat noch etwas gebraucht, bis ich diesen Gedanken das erste Mal vor jemandem ausgesprochen habe. Doch nach vielen Gesprächen, mehreren Diskussionen und vielen Zweifeln, die beiseite geschoben werden wollten, stand fest dass ich das angenehme mit dem nützlichen verbinden wollte. Es war klar dass ich eine Auszeit brauchte, bevor ich mich direkt für eine neue Richtung entscheiden konnte. Ebenso klar war dass meine leidenschaftliche Reiselust gestillt werden wollte. Die einfachste Option für mich: eine Stelle als Au-pair in einem Land finden, dass ich immer schon entdecken wollte. Die Au-pair-Geschichte ist für mich vor allem deswegen reizvoll gewesen, da ich so immerhin einen Nutzen aus dem abgeschlossenem Studium ziehen konnte. Denn Au-pairs mit gewissen Ausbildungen und Vorerfahrungen können als sogenannte Professional Au-pairs eingesetzt werden. Das bedeutet natürlich mehr Verantwortung, aber auch ein höheres Taschengeld. Die ideale Grundlage, um Neuseeland auch ausgiebig entdecken zu können.

„Everything you want is on the other side of fear.“ -Jack Canfield.

Die Lösung lag nun also direkt vor mir. Und  meine inneren Zweifler konnte ich vor allem deswegen zum schweigen bringen, da ich so viel Zuspruch und Unterstützung von meinen Freunden und meiner Familie erfahren habe. Die nächste Frage, die Frage nach dem Wohin ist dann schnell beantwortet gewesen. Weit weg sollte es sein. So weit, dass ich nicht eben nachhause fliegen kann. Ein Land das mich reizt, das mich anspricht. Meine Wahl ist hier aus mehreren (vermutlich nachvollziehbaren Gründen) auf Neuseeland gefallen.

Nach ein wenig Recherche und Vorbereitung habe ich mich für eine Agentur entschieden, meine Bewerbung eingereicht und nach einigen Wochen hatte ich ein Skype-Date mit einer neuseeländischen Familie. Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden und sie haben mir ziemlich schnell die Stelle angeboten.

Ab September wartet also ein ganzes neues Land darauf, von mir erkundet zu werden. Ich freue mich so arg auf diese Erfahrung und all‘ die Eindrücke, die ich hoffentlich sammeln werde. Habe ich schon erwähnt, dass ich eine drei-Tage-Woche haben werde? Vier (!) Tage Wochenende, um Ausflüge zu unternehmen. Was hab‘ ich ein Glück.

 

 

  1. Sehr schöne Worte von dir… und jetzt gerade stelle ich fest, dass wir das gleiche studiert haben 😉
    Hab eine tolle Zeit. Ich freue mich von dir zu lesen! <3 Jana

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