SIEBEN MONATE – WO IST DIE ZEIT GEBLIEBEN?

Wie die Zeit doch rast, wenn man etwas genießt. Sind mir die ersten viereinhalb Monate in Neuseeland doch so unglaublich lang erschienen, sind die letzten drei Monate auf der Südinsel einfach nur verflogen. Viel zu schnell für meinen Geschmack.

Im September 2017 bin ich mit einem Plan nach Neuseeland aufgebrochen. Der Plan war acht Monate in einer Gastfamilie in Auckland als Au-pair zu leben. Das war auch eigentlich alles. Um viel mehr habe ich mir vorher keine großen Gedanken gemacht. Erst einmal ankommen, einleben und dann Stück für Stück ein wenig Neuseeland entdecken. Es hätte so großartig werden können. Und auch so einfach. Aber manchmal kommt eben alles anders als man denkt.

Nachdem ich mich in der Gastfamilie so gar nicht wohl gefühlt habe und einige Dinge passiert sind, die ich mir einfach nicht bieten lassen wollten, stand nach sieben unglaublich langen Wochen und vielen Skype-Gesprächen mit Freunden in der Heimat fest das etwas verändert werden muss. Die Chance auf ein Working Holiday Visa gibt es eben nur einmal im Leben. Also will es auch genutzt werden. Und obwohl ich hin und her überlegt habe und mein Pflichtbewusstsein, das mir immer wieder ins Ohr geflüstert hat, dass man einen angefangenen Job auch beenden muss, habe ich mich dazu entschieden zu kündigen. Ohne neuen Job in der Hinterhand. Ohne einen Flug nachhause zurück zu buchen. Denn das stand fest, die Gastfamilie in Auckland mag mir zwar ordentlich den Start in Neuseeland vermiest haben, aber das muss ja nicht bedeuten das das restliche Land genauso tickt. Und das tut es auch ganz gewiss nicht. Schon in Auckland habe ich viel Zuspruch und Unterstützung von der Gastfamilie eines befreundeten Au-pairs bekommen, die mich einfach in ihrem Zuhause aufgenommen haben, als ich mich in meiner ursprünglichen Gastfamilie so gar nicht willkommen und heimisch gefühlt habe.

Also alles auf Anfang, die Würfel wurden neu gemischt und andere Pläne wurden geschmiedet. Oder auch eben keine großen Pläne. Denn das habe ich in Neuseeland unglaublich schnell gelernt: Pläne sind dazu da, um über den Haufen geworfen zu werden. Noch von Auckland aus habe ich mir einen Van gesucht und auch gefunden. Von der einen auf die andere Minute habe ich mich besser gefühlt, denn ich war wieder unabhängig und frei. Man muss nämlich dazu sagen, dass in Neuseeland und auch speziell Auckland ohne Auto nicht so viel geht. Natürlich kann man den Bus nehmen, aber es fahren weit weniger als in Deutschland, sie brauchen deutlich länger und man ist vor allem nicht so flexibel. Selbst wenn ich nur durch Aucklands verstopfte Straßen gefahren bin, hat das Fahren im Van mir direkt dieses unbeschreibliche Roadtrip – Gefühl vermittelt. Und das tat nach den unglücklichen ersten Wochen einfach nur wahnsinnig gut.

Während einige Menschen in der Heimat immer wieder unverständlich den Kopf geschüttelt haben, denn man kann doch nicht einfach ohne neuen Job in Aussicht den alten kündigen, hatte auf mich ich schon längst ein Stück der neuseeländischen Mentalität abgefärbt. Dass schon immer alles wird.

Und das ist es auch. Ohne feste Zusage oder ähnliches bin ich an die Ostküste der Nordinsel gefahren, nach Hawke’s Bay. Hier gibt es so viele Obstplantagen die Backpacker als Saisonarbeiter einstellen, wieso sollte da nicht auch für mich ein Job dabei sein? Montags habe ich meinen Chef angerufen, dienstags morgens um sieben Uhr konnte ich anfangen. Das Beste? Eine Wohngelegenheit gab es direkt mit oben drauf. Direkt auf der Plantage, im Haus der Mama meines Chefs. Ich hatte den kürzesten Arbeitsweg überhaupt und Erena und ich für fast drei Monate die lustigste, aber auch manchmal anstrengende Mehrgenerationen-WG in ganz Neuseeland. Da bin ich mir sicher. Erena hat mich wahrscheinlich in dem Moment vergessen, als ich mich an meinem letzten Tag von ihr verabschiedet habe und aus der Tür getreten bin. In meinem Herzen hat diese liebenswürdige alte Dame, die mir beim Kochen immer neugierig zugeschaut und mich mit Fragen gelöchert hat, während wir gemeinsam zu Elvis gesungen haben, aber für immer einen Platz.

Allerdings ist nun mal auch die Zeit in Hawke’s Bay irgendwann geendet. Nie habe ich ein Ende aber mehr herbeigesehnt. Denn am Ende meines Jobs inmitten der Apfelbäume, stand Jonas Besuch aus Deutschland vorbei.

Ganze vier Wochen, die natürlich viel zu kurz gewesen sind, haben wir die Südinsel bereist. Wir haben so viel erkundet wie nur irgendwie möglich war und haben mehr Fotos geschossen, als man noch zählen kann. Wir haben die schönsten Sonnenuntergänge genossen, die Sonnenaufgänge hatte Jonas meist für sich allein. Noah der Van hat unsere schrägen Stimmen ertragen müssen, wenn wir lautstark mitgesungen haben. Während Jonas der Herr über das Abendessen war, bin ich die Meisterin des Frühstücks gewesen. Und das alles im Van, immer unterwegs. Selten sind wir länger als eine Nacht an einem Ort geblieben. Wir wollten so viel Neuseeland aufsaugen, wie es nur geht. Und es ist uns nur im Ansatz gelungen. Die Südinsel hat uns vollkommen in ihren Bann gezogen. Spätestens in Otago hatte es mich voll und ganz erwischt. Während ich Januar noch via Skype zu Jonas gesagt habe, dass ich Neuseeland leider auf die Liste der Länder „Einmal da gewesen und gut“ packen müsste, stand ich nun inmitten dieser Landschaft und konnte mich selbst nicht mehr nachvollziehen.

Und da reifte dann auch so langsam der Plan für die letzten zwei Monate heran. Fruitpicking kam für mich als Joboption nicht mehr in Frage. Ich wollte diese letzten Wochen genießen, ohne 60 Stunden Woche. Auch wenn das bedeuten würde, dass ich weit weniger verdienen würde. Und ich wollte in Otago bleiben. Kellnern wäre meine nächste Wahl gewesen. Aber für nur siebeneinhalb Wochen sind die Aussichten da nicht so gut gewesen. Ich habe ein paar Tage mit mir gerungen, denn ich habe nach der ersten Erfahrung keine allzu große Lust verspürt, es noch einmal als Au-pair zu versuchen. Aber alle Argumente sprachen dafür. Also habe ich versucht eine Stelle zu finden. Am 20. Februar. Für Anfang März. Für einen kurzen Zeitraum von sieben Wochen. Und wieder meldeten sich ungläubige Stimmen von Zuhause, dass man so kurzfristig für eine so kurze Zeit unmöglich eine Stelle finden würde. Diesmal bin ich aber schon klüger gewesen und die Lebenshaltung der Kiwis hatte noch mehr auf mich abgefärbt. „Es wird schon werden, wenn es sein soll. Und wenn nicht, dann wartet etwas Anderes.“

Ohne Agentur, ohne irgendwelche Sicherheiten, habe ich mein Glück in einigen der vielen Facebookgruppen versucht. Nach zwanzig Minuten hatte ich mehr Anfragen von Familien, als ich beantworten konnte. Ich habe mit zwei Familien geskypt. Für jeweils wenige Minuten nur. Und dann auf mein Bauchgefühl vertraut, dass mich seit meinem ersten Tag hier nie im Stich gelassen hat.

Zum Glück. Ich bin in der liebsten holländisch-neuseeländischen Gastfamilie gelandet, die ich mir hätte wünschen können. „Meine“ zwei Jungs sind zuckersüß und die fröhlichsten Kinder gewesen, die ich je erlebt habe. Meine Gasteltern sind so verständnisvoll, großzügig und witzig gewesen, ich habe mich von der ersten Minute an willkommen gefühlt. Die sieben Wochen hier sind, ganz im Gegensatz zur ersten Gastfamilie, nur so vorbeigerauscht. Wir haben in diesen sieben Wochen mehr gemeinsam erlebt und unternommen, als ich es in der ersten Familie wahrscheinlich in acht Monaten getan hätte.

Neuseeland hat mich einiges gelehrt. Über die Welt, aber auch vor allem über mich selbst. Meine Wünsche, meine Ziele, meine Ansichten. Ganz besonders aber werde ich mitnehmen, dass man am Ende des Tages immer selbst für den Verlauf seines Lebens verantwortlich ist. Meckern und aufregen kann jeder. Aber aufstehen und etwas ändern, sich selbst bewusst um sein Leben kümmern, es in die Hand nehmen und nicht einfach nur vor sich hindümpeln, das ist mit Sicherheit nicht immer der einfachere Weg. Aber er ist es wert. Und wenn er dann auch noch an einer Bushaltestelle in Central Otago mit dem Satz endet, dass man ab jetzt auch hier immer ein Zuhause hat, dann hat man zumindest einen kleinen Teil richtig gemacht.

  1. liebe Anna,
    Du machst es irgendwie…. aber immer richtig. Kümmere dich nicht um das was andere „Stimmen“ sagen. Ich denk an dichBis bald

  2. Wow das hast du so toll geschrieben! Ich war richtig dabei irgendwie 😀

    Neuseeland klingt so wunderschön
    Ganz liebe Grüße
    Fabi

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