Ein Plädoyer fürs Heimweh

Manchmal, ab und zu, ganz selten. Bei einigen mehr, bei anderen weniger. Da nagt ein Gefühl von innen heraus an der Fassade. Es keimt in einer kleinen Ecke des Herzens auf und wenn man nicht aufpasst, dann breitet es sich aus wie ein Lauffeuer.

Heimweh.

Am Ninety Mile Beach im Northland/Neuseeland. Hier hat mich das Heimweh voll erwischt, weil mich alles an Dänemark erinnert hat.

Und damit auch an glückliche Urlaube mit Freunden und Familie.

 

Wenn der Begriff des Heimwehs fällt, dann denken wir an Kinder, die sich die Augen aus dem Kopf heulen, weil sie nicht zuhause bei ihren Eltern, in der vertrauten, gewohnten Umgebung sind. Aber Heimweh ist doch etwas, was uns allen passiert, oder? Den einen haut es nur eben stärker um, als den anderen.

Ich finde es schade, dass Heimweh in den seltensten Fällen auch für Erwachsene ein Thema ist, über das offen gesprochen wird. Bei Kindern, klar. Da ist das ganz selbstverständlich. Die erste Übernachtung bei einer Freundin, das erste Mal mit Freunden ins Ferienlager oder auch noch der erste „richtige“ Urlaub ohne Eltern. Niemand würde einem siebenjährigen vorwerfen, dass er Sehnsucht nach Zuhause empfindet. Hier wird getröstet und mit allerlei Schabernack versucht, den Leidenden auf andere Gedanken zu bringen.

Ich kann mich noch ganz genau an mein erstes Mal auf einer Ferienfreizeit erinnern. Ich habe so schreckliches Heimweh gehabt, dass ich die ersten Stunden nach Ankunft eigentlich nur weinend und wimmern auf dem Schoß meiner Gruppenleiterin verbracht habe. Acht Jahre alt bin ich gewesen. Und alle haben sich um mich gesorgt. Ich musste das Essen am ersten Abend, das ich nicht mochte, nicht essen, weil ich Heimweh hatte. Ich habe eine Extrawurst bekommen. Eine andere Gruppenleiterin hat mir Kekse gegeben und mir verschwörerisch ins Ohr geflüstert, dass die gegen mein Heimweh helfen würden. Ich habe übrigens erst Jahre später kapiert, dass das natürlich totaler Unsinn ist und lediglich der Placebo-Effekt dafür sorgen sollte, dass das schluchzende kleine Mädchen sich endlich beruhigen kann.

Ob das alles so gut und richtig war, oder ob es andere, vielleicht bessere Mittel und Wege gegeben hätte, das ist ja Ansichtssache. In allen Fällen aber, auch die, die ich später selbst als Gruppenleiterin erlebt habe, ist den Kindern und Jugendlichen Verständnis entgegengebracht worden. Keiner hat mir als Achtjährige gesagt, ich solle mich nicht so anstellen, sondern ein bisschen härter im Nehmen sein. Als meine eigenen Gruppenkinder später Angst im fremden Zimmer hatten und deswegen nicht schlafen konnten, habe ich ihnen Geschichten vorgelesen, bis sie alle friedlich eingeschlummert sind. Ganz selbstverständlich, ohne Wenn und Aber.

Auf einem Schüleraustausch nach Frankreich allerdings, habe ich abends nach einem furchtbaren Tag heimlich ins Kissen geweint und nur meiner Mama eine SMS geschrieben. Meinen MitschülerInnen oder auch den LehrerInnen habe ich mein Heimweh verschwiegen. Ich war 14, da wurde von mir erwartet, dass ich einen zehntägigen Auslandsaufenthalt ja wohl ohne großartige Sehnsucht nach Zuhause überstehe. Zumindest ist es das Gefühl gewesen, das mir vermittelt worden ist.

Innerhalb von sechs Jahren hat sich also das liebevolle Zuhören und das verständnisvolle Kümmern, in eine Erwartungshaltung verändert, die kein Platz für großes Heimweh lässt. Oder zumindest nicht für Heimweh, dass man nach außen hin zeigen kann.

 

Dabei trifft uns alle mal das Heimweh. Es gibt diejenigen, die schon auf dem kurzen Wochenendtrip diesen kleinen Schmerz in der Brust wahrnehmen und sich nach den eigenen vier Wänden, dem Partner, dem Haustier, den Freunden oder einfach nur den täglichen Gewohnheiten und der Routine sehnen. Wieder andere freuen sich gegen Ende des Jahresurlaubes so sehr auf Zuhause, dass sie es gar nicht erwarten können, die Rückreise anzutreten. Und dann gibt es die, die wochen-, monate- oder sogar jahrelang in der Weltgeschichte umherreisen, mal alleine, mal nicht. Mal ist das Heimweh ein ständiger, stummer Begleiter, mal bricht es in großen Wellen über einem zusammen.

Einige wenige mögen jetzt vielleicht behaupten, kein Heimweh zu kennen, aber ich sage an dieser Stelle ganz frech, dass das nicht stimmt. Denn Heimweh richtet sich ja nicht nach Maßstäben, es ist nicht messbar. Es äußert sich in so vielen unterschiedlichen Facetten und Formen, genauso wie in Stärke und Umfang. Und jeder Mensch erlebt auf Reisen Momente, die weniger schön sind. Und genau diese Momente reißen uns dann so aus dem Trott, dem Gleichgewicht, dass wir uns ganz automatisch Geborgenheit und Vertrautheit wünschen. Kinder wie Erwachsene.

Und Kinder wie Erwachsene finden diese Geborgenheit und Vertrautheit in der Routine, dem Bekannten. Dem Alltäglichen, das wir Zuhause erleben, wo wir von den vielen lieben Menschen umgeben sind. Heimweh ist also keinesfalls etwas, aus dem wir herauswachsen, wie aus einem Pullover, der uns zu klein geworden ist. Heimweh ist viel mehr der Pullover, den wir schon ewig besitzen, der, der irgendwie kratzig ist und auch schon ein wenig ausgeblichen. Trotzdem begleitet er uns schon fast unser gesamtes Leben und ihn wegzugeben, das bringen wir einfach nicht übers Herz. Viel mehr ziehen wir ihn hin und wieder nochmal an, ganz heimlich und schwelgen in Erinnerungen. Solchen, die manchmal genauso kratzig, so unbequem sind, wie der Pullover selbst und uns traurig stimmen, weil sie an längst vergangene Zeiten erinnern. Aber diese Erinnerungen gehören zu uns, sie sind ein Teil von uns.

 

So ist das mit dem Heimweh. Es ist unberechenbar und kommt, wann immer es will. Und ab einem gewissen Alter, da ziehen wir uns still und leise zurück, denn als Erwachsener, da schickt es sich nicht das Zuhause zu vermissen. Wir sind doch groß und wollen so viel von der Welt sehen.

Dabei würde es uns wundern, wie viele Komplimente wir bekommen würden, wenn wir den alten Pullover ab und zu, wenn er uns gerade besonders angeschmachtet hat, anziehen würden. Wir würden feststellen, dass vielen Leuten der Pullover gefällt und sie Fragen zur Geschichte stellen. Wir würden feststellen, dass viele Leute einen ähnlichen Pullover in der hintersten Ecke des Schrankes liegen haben. Wir könnten uns austauschen und gemeinsam vergangene Zeiten nochmal erleben.

Und genau das würde auch passieren, wenn wir offen und ehrlich dazu stehen, dass wir beim ganzen Entdecken der Welt ab und zu unser Zuhause schmerzlich vermissen. Dass dem Lieblingscafé in der Heimat kein noch so hippes Szenecafé in New York das Wasser reichen kann. Einfach weil wir hier den Cappuccino mit den Liebsten genießen. Dass der Traumstand in der Südsee niemals, auch nur ansatzweise, das heimelige Gefühl in uns auslösen wird wie der Strand des Sees, der nur eine Viertelstunde mit dem Fahrrad von unserem Wohnort entfernt liegt. Denn nur hier treffen wir an den lauen Sommerabenden all‘ unsere Freunde auf ein Bierchen. Unser Gegenüber würde uns von seiner Lieblingskneipe erzählen, vom Freibad, in dem er seine Sommer verbringt.

Uns allen geht es also ähnlich. Wir haben nur im Laufe der Jahre aufgehört ehrlich zu sein, was das Heimweh angeht. Dabei ist das genau das Richtige, wenn es einen wirklich erwischt hat. Den Mund aufmachen und darüber reden.

Und im Grunde ist Heimweh ja auch etwas Schönes. Bedeutet es doch, dass wir einen Ort haben, den wir Zuhause nennen. Auf den wir uns immer wieder freuen.

 

 

 

 

 

  1. Hey Anna,
    was ein wunderschöner Text! Und so wahr. Ich gehöre zwar eher zu der Kategorie, die mit Heimweh gut umgehen können und nur sehr selten einen Anfall bekommen, aber der erste Moment nach einer langen Reise im eigenen Bett, wo alles genau so ist, wie es sein soll – unbezahlbar!

    Aber ich nehme mir deinen Rat zu Herzen. Ich will in Zukunft stärker auf Heimweh achten und es einfach geschehen lassen. Und teilen!

    Liebe Grüße
    Magdalena

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